Longevity-Mentor und Gesundheitsexperte für Menschen, die aktiv und selbstbestimmt älter werden wollen.

Gesundheitsvorsorge

„Mein Arzt sagt, alles ist normal …“

… aber ich fühle mich nicht so

Du gehst zum Arzt, weil sich etwas verändert hat. Vielleicht bist du schneller erschöpft als früher, schläfst schlechter, brauchst nach Belastungen länger zur Erholung oder stellst fest, dass dir manche körperlichen Aufgaben nicht mehr so leichtfallen. Es werden Untersuchungen durchgeführt, Blut abgenommen und wenig später kommt die zunächst beruhigende Nachricht: „Ihre Werte sind in Ordnung.“ Eigentlich solltest du zufrieden sein. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl: Irgendetwas ist anders als früher. Gerade ab der Lebensmitte kennen viele Menschen solche Situationen. Das bedeutet keineswegs, dass hinter jeder Müdigkeit, jedem schlechten Tag oder jeder Veränderung eine unentdeckte Erkrankung stecken muss. Und es bedeutet ebenso wenig, dass ein Arzt etwas übersehen hat. Ein unauffälliger medizinischer Befund ist zunächst eine gute Nachricht. Er beantwortet nur nicht zwangsläufig jede Frage, die wir über unsere Gesundheit haben. Denn zwischen „Es wurde keine Erkrankung gefunden“ und „Ich bin für mein Leben und meine kommenden Jahre gut aufgestellt“ liegt ein großer Bereich. Genau dieser Bereich interessiert uns, wenn wir über gesundes Älterwerden und den Erhalt unserer persönlichen Freiheit sprechen.

Wenn ein Laborwert innerhalb eines Referenzbereichs liegt, bedeutet das zunächst, dass er innerhalb eines für diesen Parameter festgelegten Bereichs liegt. Solche Bereiche sind ein wichtiger Bestandteil medizinischer Diagnostik, aber sie sind keine persönliche Gesundheitsgarantie. Ein Laborwert muss immer im Zusammenhang betrachtet werden: mit Alter, Vorgeschichte, Beschwerden, Medikamenten, familiären Risiken, anderen Untersuchungsergebnissen und der Frage, weshalb er überhaupt bestimmt wurde. Auch ein Wert außerhalb eines Referenzbereichs bedeutet für sich genommen noch keine Erkrankung, und umgekehrt kann ein Mensch Beschwerden oder nachlassende Fähigkeiten erleben, obwohl viele Standardwerte unauffällig sind. Deshalb halte ich sowohl den Gedanken „Meine Werte sind normal, also kann nichts sein“ als auch die gegenteilige Vorstellung „Ich fühle mich nicht gut, also muss irgendwo noch ein versteckter Laborwert auffällig sein“ für zu kurz gegriffen. Unser Körper besteht nicht aus einem Laborzettel. Stellen wir uns einen Segler Mitte fünfzig vor, dessen Blutbild unauffällig ist und dessen klassische Stoffwechselwerte keinen offensichtlichen Anlass zur Sorge geben. Trotzdem fällt ihm auf, dass er nach längeren Etappen wesentlich mehr Erholung braucht, beim Einsteigen ins Beiboot vorsichtiger geworden ist, nach einer schlechten Nacht weniger konzentriert navigiert und beim Aufstehen aus einer tiefen Position häufiger die Hände benötigt. Welcher einzelne Laborwert beschreibt diese Entwicklung? Wahrscheinlich keiner. Für seinen zukünftigen Gesundheitskurs sind diese Beobachtungen trotzdem ausgesprochen wertvoll.

Gesundheit zeigt sich eben nicht nur darin, ob wir eine diagnostizierte Erkrankung besitzen. Sie zeigt sich auch in unseren Fähigkeiten. Können wir uns sicher bewegen, besitzen wir ausreichend Kraft und Ausdauer, erholen wir uns nach Belastungen, können wir konzentriert entscheiden, schlafen wir ausreichend und sind wir mental und sozial so aufgestellt, dass wir unser Leben nach unseren Vorstellungen gestalten können? Genau deshalb besteht sinnvolle Gesundheitsvorsorge für mich aus mehreren Informationsquellen: medizinischer Diagnostik, persönlicher Vorgeschichte, Lebensstil, eigenen Beobachtungen und der Entwicklung unserer tatsächlichen Fähigkeiten. Erst gemeinsam entsteht ein brauchbares Bild. Wenn du also das Gefühl hast, dass sich etwas verändert hat, sollte dieses Gefühl weder dramatisiert noch abgetan werden. Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung, vielleicht hat sich dein Schlaf verändert, deine körperliche Aktivität ist zurückgegangen oder mehrere belastende Monate hinterlassen ihre Spuren. Vielleicht spielt ein Medikament eine Rolle oder es gibt tatsächlich eine medizinische Ursache, die genauer betrachtet werden sollte. Und manchmal lässt sich zunächst gar keine eindeutige Ursache finden. Wichtig ist die Haltung dahinter: Eine Wahrnehmung ist eine Information, keine Diagnose. Statt selbst nach immer exotischeren Erklärungen zu suchen, ist es oft hilfreicher, die Beobachtung konkreter zu machen. Seit wann besteht die Veränderung? Wird sie stärker? In welchen Situationen tritt sie auf? Was hat sich gleichzeitig verändert und wie wirkt sie sich auf deinen Alltag oder das Segeln aus? Für einen Arzt ist „Ich bin irgendwie nicht mehr so fit“ schwerer einzuordnen als die Aussage: „Seit ungefähr sechs Monaten brauche ich nach körperlicher Belastung deutlich länger zur Erholung“ oder „Ich konnte früher problemlos aus der Hocke aufstehen, inzwischen muss ich mich fast immer abstützen.“

Gesundheitskompetenz bedeutet deshalb auch, Fragen zu stellen. Viele Menschen zögern dabei, weil sie nicht schwierig wirken oder den Eindruck vermitteln möchten, sie hätten sich ihre Diagnose bereits im Internet zusammengesucht. Doch eine gute Arzt-Patienten-Beziehung lebt davon, dass Beobachtungen und Fragen eingebracht werden. Du musst deinem Arzt nicht erklären, welche Diagnose du vermutlich hast oder welche dreißig Laborwerte du bestimmen lassen möchtest. Viel hilfreicher sind Fragen wie: „Welche Ursachen könnten zu dieser Veränderung passen?“, „Gibt es aufgrund meiner Vorgeschichte etwas, das wir zusätzlich berücksichtigen sollten?“, „Welche Untersuchung würde unsere Entscheidung tatsächlich verändern?“ oder „Wenn die bisherigen Untersuchungen unauffällig sind, worauf sollte ich in den nächsten Monaten achten?“ Das ist keine Selbstdiagnose, sondern verantwortungsvolle Gesundheitsführung. Gerade im Longevity-Bereich begegnen uns heute umfangreiche Laborprofile, genetische Analysen, biologische Altersbestimmungen und eine ständig wachsende Zahl neuer Biomarker. Vieles davon ist wissenschaftlich ausgesprochen interessant und manches könnte zukünftig eine wichtige Rolle in der Präventionsmedizin spielen. Ein größeres Laborpaket ist jedoch nicht automatisch eine bessere Gesundheitsstrategie. Bevor wir nach NAD+, epigenetischen Altersuhren, Coenzym Q10 oder anderen Spezialmarkern suchen, sollten wir die gut belegten Grundlagen kennen: Blutdruck, Stoffwechselrisiken, Rauchen, Bewegung, Kraft, Ausdauer, Schlaf, Ernährung, bekannte Erkrankungen und sinnvolle medizinische Vorsorge. Das klingt weniger spektakulär als die neuesten Longevity-Marker, gehört aber zu den entscheidenden Stellschrauben unserer zukünftigen Gesundheit.

Auch bei vermeintlich „optimalen“ Laborwerten lohnt sich ein genauer Blick. Im Gesundheits- und Longevity-Bereich kursieren zahlreiche Tabellen mit Zielwerten, die deutlich enger gefasst sind als medizinische Referenzbereiche. Für manche Erkrankungen und Risikosituationen gibt es selbstverständlich individuell definierte therapeutische Ziele. Daraus folgt jedoch nicht, dass für jeden Laborparameter ein wissenschaftlich gesicherter „Longevity-Optimalbereich“ existiert, den jeder gesunde Mensch anstreben sollte. Genau hier sollten wir neugierig bleiben, ohne wissenschaftliche Möglichkeiten mit bereits gesichertem Nutzen zu verwechseln. „Höher“, „mehr“ oder „jugendlicher“ bedeutet in der Medizin nicht automatisch „gesünder“. Unser Ziel sollte deshalb nicht darin bestehen, möglichst viele Laborwerte in vermeintlich perfekte Bereiche zu verschieben. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob eine Messung eine für uns relevante gesundheitliche Frage beantwortet und ob sich aus dem Ergebnis eine sinnvolle Handlung ergibt.

Wenn du also trotz unauffälliger Befunde das Gefühl hast, dass sich etwas verändert hat, frage nicht zuerst: „Welcher Wert wurde noch nicht gemessen?“ Frage zunächst: „Was genau hat sich bei mir verändert?“ Danach: „Welche möglichen Erklärungen gibt es dafür?“ Und schließlich: „Welche Information würde meinem Arzt und mir helfen, den nächsten sinnvollen Schritt zu entscheiden?“ Vielleicht ist die Antwort eine Blutuntersuchung, vielleicht eine andere medizinische Abklärung, eine genauere Betrachtung deines Schlafes, gezieltes Krafttraining, eine Anpassung der Ernährung, eine Medikamentenüberprüfung oder zunächst schlicht Beobachtung. Gute Medizin besteht nicht darin, zu jeder Frage sofort einen neuen Laborwert zu bestellen. Sie besteht darin, Informationen so einzusetzen, dass daraus möglichst gute Entscheidungen entstehen.

Wenn dein Arzt dir also sagt, dass deine Untersuchungen unauffällig sind, darfst du dich darüber freuen. Gleichzeitig darfst du aufmerksam bleiben, wenn sich dein Körper, deine Belastbarkeit oder dein Befinden verändert haben. Beides kann gleichzeitig richtig sein. Dafür brauchst du weder Misstrauen gegenüber deinem Arzt noch das nächste große Longevity-Laborpaket. Du brauchst einen möglichst klaren Blick auf deine eigene Position und eine gute Zusammenarbeit mit medizinischen Fachpersonen. Denn Gesundheit bedeutet nicht, einen perfekten Laborzettel zu besitzen. Für uns bedeutet sie viel konkreter, möglichst lange die körperlichen und mentalen Möglichkeiten zu besitzen, das eigene Leben gestalten zu können. Für einen Segler heißt das vielleicht, sicher über das Deck zu gehen, die Badeleiter hinaufzukommen, eine Nachtwache bewältigen zu können, sich nach Belastungen wieder zu erholen und auch in zehn oder zwanzig Jahren noch selbst entscheiden zu können, ob die Leinen losgehen. Deshalb solltest du deine Gesundheit weder ausschließlich nach deinem Gefühl noch ausschließlich nach deinen Laborwerten beurteilen. Schau auf beides, beobachte die Entwicklung und stelle Fragen. Und wenn etwas nicht mehr zu dem Leben passt, das du führen möchtest, dann warte nicht darauf, dass irgendwann ein Laborwert rot markiert wird.

Bestimme deine Position. Und entscheide dann, ob dein Kurs noch passt.

Kurs setzen. Kurs halten.

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