Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie alt wir werden. Entscheidend ist, wie wir diese Jahre verbringen.
Wer heute über Longevity spricht, landet schnell bei beeindruckenden Zahlen: 100 Jahre, vielleicht sogar 110 oder 120. Neue Medikamente, biologische Altersuhren, Nahrungsergänzungsmittel und immer ausgefeiltere diagnostische Verfahren nähren die Hoffnung, unser Leben immer weiter verlängern zu können. Doch für die meisten Menschen dürfte eine andere Frage wesentlich wichtiger sein: Was nützen mir zusätzliche Lebensjahre, wenn ich einen großen Teil davon nicht mehr so leben kann, wie ich es möchte? Für einen Segler wird diese Frage besonders konkret. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich mit 75 einfach noch lebe – oder ob ich mit 75 noch selbstständig aufs Schiff komme, sicher über das Deck gehe, eine Leine bedienen, mit dem Dinghy an Land fahren, eine längere Reise planen und Verantwortung an Bord übernehmen kann. Genau an dieser Stelle unterscheiden sich zwei Begriffe, die in der Longevity-Diskussion häufig verwendet werden: Lifespan und Healthspan.
Ein langes Leben ist nicht automatisch ein gesundes Leben
Lifespan beschreibt zunächst unsere Lebensspanne – also die Zeit von der Geburt bis zum Tod. Healthspan wird dagegen üblicherweise für den Teil des Lebens verwendet, den wir bei möglichst guter Gesundheit beziehungsweise ohne erhebliche gesundheitliche Einschränkungen verbringen. Die Grenze ist dabei keineswegs eindeutig. Ein Mensch kann beispielsweise Bluthochdruck haben und trotzdem körperlich leistungsfähig, geistig fit und vollkommen selbstständig sein. Gesundheit bedeutet deshalb nicht zwangsläufig, keinerlei Diagnose zu besitzen. Auch die Weltgesundheitsorganisation stellt beim gesunden Altern nicht die Abwesenheit jeder Erkrankung in den Mittelpunkt. Entscheidend ist vielmehr der Erhalt der funktionellen Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, diejenigen Dinge zu tun, die für ihr Leben wichtig sind. Dazu gehören unter anderem Mobilität, Entscheidungsfähigkeit, Beziehungen und Selbstständigkeit.
Das verändert die Perspektive erheblich. Plötzlich lautet die entscheidende Frage nicht mehr: „Wie kann ich möglichst lange leben?“ Sondern: „Was möchte ich auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch tun können?“ Für mich liegt genau darin der Kern von Longevity. Es geht nicht nur darum, dem Leben Jahre hinzuzufügen. Es geht darum, möglichst viele dieser Jahre mit ausreichend körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit, Selbstständigkeit und Lebensqualität verbringen zu können.
Mehr Lebensjahre sind nur dann ein Gewinn, wenn wir etwas mit ihnen anfangen können
Dass Menschen heute länger leben, gehört zu den großen gesellschaftlichen Erfolgen der vergangenen Jahrzehnte. Gleichzeitig bedeutet eine längere Lebenserwartung nicht automatisch, dass alle zusätzlichen Jahre in guter Gesundheit verbracht werden. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung. Wir möchten nicht nur unsere Lebensspanne verlängern, sondern im Idealfall auch den Zeitraum möglichst kurz halten, in dem Krankheiten, körperliche Einschränkungen oder Pflegebedürftigkeit unsere Selbstständigkeit deutlich begrenzen.
In der Forschung wird in diesem Zusammenhang häufig von einer Kompression der Morbidität gesprochen: Erkrankungen und Einschränkungen möglichst weit nach hinten im Leben zu verschieben, sodass wir einen möglichst großen Teil unserer Lebenszeit funktionell und selbstständig verbringen können. Natürlich gibt es dafür keine Garantie. Krankheiten können auch Menschen treffen, die sehr gesund leben. Genetische Voraussetzungen, Umweltbedingungen, soziale Faktoren und Zufall spielen ebenfalls eine Rolle. Aber daraus folgt nicht, dass unser Lebensstil bedeutungslos wäre. Große Beobachtungsstudien zeigen immer wieder Zusammenhänge zwischen günstigen Lebensgewohnheiten und mehr Lebensjahren ohne schwere chronische Erkrankungen. Dazu gehören unter anderem regelmäßige körperliche Aktivität, eine gute Ernährungsqualität, Nichtrauchen und ein insgesamt gesundheitsfördernder Lebensstil. Solche Studien können nicht beweisen, dass jede einzelne Verhaltensweise unmittelbar zusätzliche gesunde Jahre verursacht. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass Lebensweise und gesund verbrachte Lebenszeit miteinander verbunden sind.
Die Botschaft daraus lautet deshalb nicht: Wer alles richtig macht, wird niemals krank. Sie lautet vielmehr: Unsere Entscheidungen können die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, wie lange wir leistungsfähig und selbstständig bleiben.
Für Segler bedeutet Healthspan vor allem Freiheit
Auf einem Schiff wird der Begriff Healthspan plötzlich erstaunlich einfach. Healthspan bedeutet nicht, morgens einen perfekten Ruhepuls zu haben oder möglichst viele optimale Laborwerte zu sammeln. Es bedeutet, ohne Unsicherheit vom Cockpit aufs Vorschiff gehen zu können, nach einer unruhigen Nacht noch ausreichend konzentriert zu sein, eine vernünftige Entscheidung treffen zu können und genug Kraft, Gleichgewicht, Ausdauer und Beweglichkeit zu besitzen, um das eigene Leben weiterhin selbst zu gestalten.
Gesundes Älterwerden bedeutet dabei nicht, Jugend möglichst lange zu konservieren. Wir werden älter. Unser Körper verändert sich. Regeneration kann länger dauern, Muskelmasse und Kraft müssen bewusster erhalten werden und manche Dinge funktionieren vielleicht nicht mehr genauso selbstverständlich wie früher. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob sich unser Körper verändert, sondern wie viel Reserve wir haben, wenn er sich verändert.
Wenn ich mit 50 gerade ausreichend Kraft besitze, um bestimmte Anforderungen an Bord zu bewältigen, kann ein weiterer Verlust irgendwann problematisch werden. Wenn ich dagegen bewusst Kraftreserven aufbaue und erhalte, beginne ich von einem völlig anderen Ausgangspunkt. Dasselbe gilt für Gleichgewicht, Ausdauer, Stoffwechselgesundheit, Schlaf, Stressregulation und geistige Leistungsfähigkeit. Wir können uns gewissermaßen einen gesundheitlichen Spielraum erarbeiten. Und genau dieser Spielraum entscheidet mit darüber, wie lange bestimmte Dinge selbstverständlich bleiben.
Die Grundlagen sind weniger spektakulär als viele Longevity-Versprechen
Wer sich heute mit Longevity beschäftigt, kann schnell den Eindruck gewinnen, gesundes Altern beginne mit einem umfangreichen Blutbild, kontinuierlicher Glukosemessung, biologischen Alterstests, speziellen Nahrungsergänzungsmitteln oder Medikamenten. Einige dieser Themen können in bestimmten Situationen interessant oder medizinisch sinnvoll sein. Andere befinden sich noch mitten in der Forschung. Und manche werden wesentlich besser vermarktet, als ihre wissenschaftliche Evidenz rechtfertigt.
Dabei geraten ausgerechnet die Maßnahmen leicht in den Hintergrund, für die seit vielen Jahren besonders belastbare Erkenntnisse vorliegen: regelmäßige körperliche Aktivität, ausreichend Muskelkraft, eine gute Ernährungsqualität, guter Schlaf, Nichtrauchen, ein gesunder Umgang mit Belastungen, soziale Beziehungen und eine medizinische Vorsorge, die zur eigenen Situation und zum persönlichen Risiko passt. Das wirkt weniger spektakulär als ein neues Longevity-Supplement. Aber wahrscheinlich beginnt genau dort der größte Teil unserer persönlichen Healthspan-Strategie.
Auch für die geistige Gesundheit gibt es Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität und multidimensionale Lebensstilinterventionen einen Beitrag zum Erhalt kognitiver Funktionen im höheren Alter leisten können. Wieder zeigt sich: Es gibt selten die eine Maßnahme, die alles entscheidet. Gesundheit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler kleiner Faktoren, die sich über Jahre gegenseitig unterstützen – oder schwächen können.
Genau deshalb gibt es die acht Kursbereiche
Ein Problem der modernen Gesundheitswelt besteht darin, einzelne Themen ständig zu isolieren. Mal ist Protein der entscheidende Faktor, dann Schlaf, Darmgesundheit, VO₂max, Muskelmasse oder Stress. Jeder dieser Bereiche kann wichtig sein. Aber ein Mensch besteht nicht aus voneinander unabhängigen Einzelteilen. Wer regelmäßig trainiert, aber dauerhaft schlecht schläft, wird wahrscheinlich irgendwann Auswirkungen spüren. Wer sich hervorragend ernährt, sich aber kaum bewegt, lässt einen entscheidenden Bereich ungenutzt. Wer körperlich fit ist, gleichzeitig jedoch sozial völlig isoliert lebt oder permanent unter hohem Stress steht, besitzt ebenfalls keinen vollständigen Gesundheitskurs.
Deshalb betrachte ich gesundes Älterwerden aus acht Perspektiven: Bewegungsqualität, Atmung, Ernährung, Schlaf & Regeneration, Stresskompetenz, mentale Gesundheit, soziale Gesundheit und Gesundheitsvorsorge. Nicht jeder Bereich braucht zu jedem Zeitpunkt gleich viel Aufmerksamkeit. Das Ziel ist auch nicht, in acht Kategorien perfekte Werte zu erreichen. Entscheidend ist vielmehr, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen, persönliche Prioritäten zu setzen und gleichzeitig das zu erhalten, was bereits gut funktioniert. Genau darin unterscheidet sich ein nachhaltiger Gesundheitskurs von kurzfristiger Selbstoptimierung.
Gesundheit darf nicht zum Vollzeitprojekt werden
Bei aller Begeisterung für Longevity dürfen wir eines nicht vergessen: Wir wollen möglichst lange gesund bleiben, damit wir leben können – nicht damit wir unser gesamtes Leben mit der Optimierung unserer Gesundheit verbringen. Wer jeden Restaurantbesuch als gesundheitliches Risiko betrachtet, jede schlechte Nacht fürchtet und jede Abweichung vom Trainingsplan als Versagen empfindet, hat möglicherweise seine Biomarker im Blick, aber einen wichtigen Teil von Lebensqualität verloren.
Gesundes Älterwerden muss deshalb auch Genuss, Reisen, spontane Entscheidungen und Ausnahmen aushalten. Entscheidend ist nicht der einzelne Abend, die eine schlechte Nacht oder eine Woche, in der das Training einmal ausfällt. Entscheidend ist das Muster dahinter. Ein Segler verlässt schließlich auch nicht seinen gesamten Törnplan, nur weil Wind oder Wetter einmal eine Kursänderung notwendig machen. Er passt an, bewertet die Situation neu und orientiert sich anschließend wieder am Ziel. Genau so dürfen wir auch mit unserer Gesundheit umgehen.
Die nächsten zehn Jahre sind konkreter als die nächsten fünfzig
Wenn wir über Longevity sprechen, erscheint ein sehr hohes Lebensalter häufig abstrakt. Die Frage „Was kann ich tun, damit ich mit 95 noch gesund bin?“ liegt für einen Menschen in der Lebensmitte gedanklich sehr weit entfernt. Wesentlich greifbarer ist eine andere Frage: Was möchte ich in zehn Jahren noch selbstverständlich können? Und direkt danach: Was kann ich heute tun, damit die Wahrscheinlichkeit dafür größer wird?
Vielleicht möchtest du mit 65 noch problemlos aufs Vorschiff gehen können, mit 70 längere Reisen machen, mit 75 selbstständig segeln oder mit 80 morgens noch ohne Hilfe aus dem Dinghy steigen. Niemand kann dir versprechen, dass das gelingt. Aber du kannst heute beginnen, bessere Voraussetzungen dafür zu schaffen. Genau deshalb ist Longevity für mich kein Projekt für irgendwann später. Gesundes Älterwerden beginnt nicht mit 70. Es entsteht aus vielen kleinen Entscheidungen, die Jahre zuvor getroffen und möglichst lange beibehalten werden.
Die entscheidende Zahl steht nicht auf deiner Geburtsurkunde
Vielleicht werden wir in den kommenden Jahrzehnten große medizinische Fortschritte beim Verständnis des Alterns erleben. Die Forschung zu Zellalterung, Immunfunktion, Stoffwechsel, Regeneration und altersassoziierten Erkrankungen entwickelt sich rasant. Das ist spannend. Aber für unser Leben heute bleibt eine wesentlich einfachere Frage: Wie viele unserer kommenden Jahre können wir so verbringen, wie wir leben möchten?
Genau darum geht es bei Healthspan. Nicht um ewige Jugend, nicht um ein möglichst spektakuläres biologisches Alter und auch nicht darum, jedes Risiko auszuschließen. Es geht um Kraft, Beweglichkeit, Belastbarkeit, geistige Klarheit, Beziehungen, Selbstständigkeit und um die Fähigkeit, die Dinge tun zu können, die für uns Bedeutung haben.
Für uns Segler lässt sich das noch einfacher formulieren: Wir möchten nicht nur möglichst viele Jahre leben.
Wir möchten möglichst viele dieser Jahre selbst entscheiden können, wohin die Reise geht.
Das ist für mich Longevity.
Gesund älter werden, um frei zu bleiben.
Kurs setzen. Kurs halten.
Wie sieht dein persönlicher Gesundheitskurs aus?
Acht Kursbereiche helfen dir dabei, die Grundlagen für möglichst viele gesunde und selbstbestimmte Jahre im Blick zu behalten.
Ausgewählte wissenschaftliche Quellen
- World Health Organization: Ageing and health. WHO. Zum Zusammenhang von gesundem Altern, funktionellen Fähigkeiten und Selbstständigkeit.
- World Health Organization: Healthy ageing and functional ability. WHO. Zum Konzept der funktionellen Fähigkeiten im höheren Lebensalter.
- Li Y. et al.: Healthy lifestyle and life expectancy free of cancer, cardiovascular disease, and type 2 diabetes. BMJ, 2020.
- China Kadoorie Biobank Collaborative Group: Healthy lifestyle and life expectancy free of major chronic diseases at age 40 in China. Nature Human Behaviour, 2023.
- Reparaz-Escudero I. et al.: Effect of long-term physical exercise and multidomain interventions on cognitive function and the risk of mild cognitive impairment and dementia in older adults. Ageing Research Reviews, 2024.
