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Gesundheit an Bord

Gesundheit ist die wichtigste Sicherheitsausrüstung an Bord

Wir warten den Motor, kontrollieren das Rigg, prüfen Wetter und Navigation und sorgen dafür, dass die Sicherheitsausrüstung vollständig ist. Doch eine Voraussetzung für jede Reise nehmen wir häufig als selbstverständlich hin: uns selbst.

Wer mit einem Segelboot unterwegs ist, weiß, wie wichtig Vorbereitung ist. Vor einer längeren Etappe schauen wir auf Wind und Welle, kontrollieren Technik und Ausrüstung, prüfen Diesel, Wasser und Proviant und überlegen, welche Bedingungen uns unterwegs erwarten könnten. Wir tun das nicht, weil wir ständig mit einem Problem rechnen. Wir tun es, weil gute Vorbereitung Freiheit schafft. Je besser unser Schiff vorbereitet ist, desto gelassener können wir auf Veränderungen reagieren.

Bei unserer eigenen Gesundheit verhalten wir uns häufig anders. Solange der Körper funktioniert, bekommt er vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Wir können uns bewegen, die Winsch bedienen, über das Deck gehen, ins Dinghy steigen, eine Nachtwache übernehmen und nach einem anstrengenden Tag am nächsten Morgen wieder aufstehen. Also scheint alles in Ordnung zu sein.

Doch genau darin liegt ein Denkfehler: Funktionieren bedeutet nicht automatisch, dass unsere körperlichen Reserven unverändert bleiben.

An Bord wird Gesundheit sehr schnell praktisch

Gesundheit klingt zunächst nach Blutwerten, Vorsorgeuntersuchungen, Ernährung oder Sport. Auf einem Segelboot bekommt sie eine wesentlich unmittelbarere Bedeutung. Wenn das Schiff unerwartet rollt, brauche ich Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit. Wenn eine Leine unter Spannung steht oder das Großsegel geborgen werden muss, brauche ich Kraft und Koordination. Wenn ich nachts Wache gehe, brauche ich Konzentration. Wenn mehrere anstrengende Tage aufeinanderfolgen, brauche ich Regenerationsfähigkeit. Und wenn etwas nicht nach Plan läuft, benötige ich die Fähigkeit, trotz Stress ruhig zu bleiben und vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Genau hier berühren sich Gesundheit und Sicherheit. Natürlich ersetzt körperliche Fitness weder Rettungsweste noch Sicherheitsleine, gute Seemannschaft oder vernünftige Törnplanung. Aber all diese Systeme funktionieren letztlich nur so gut wie der Mensch, der sie bedienen muss. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt gesundes Altern deshalb nicht einfach als Abwesenheit von Krankheit. Im Zentrum steht vielmehr die funktionelle Fähigkeit – also die Möglichkeit, auch mit zunehmendem Alter diejenigen Dinge tun zu können, die für das eigene Leben wichtig sind. Dazu gehören unter anderem Mobilität, Entscheidungsfähigkeit und Selbstständigkeit.

Für einen Segler lässt sich diese abstrakte Definition sehr einfach übersetzen: Kann ich mich noch sicher an Bord bewegen? Kann ich körperliche Arbeit übernehmen? Kann ich angemessen reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert? Bin ich geistig klar genug, um Entscheidungen zu treffen? Und habe ich ausreichend Reserven, wenn aus einem entspannten Segeltag plötzlich eine anstrengende Situation wird?

Gesundheit ist damit nicht das Ziel der Reise. Sie ist eine der Voraussetzungen dafür, dass die Reise möglich bleibt.

Die Reserven verändern sich – meistens langsam

Viele altersbedingte Veränderungen kündigen sich nicht mit einem deutlich wahrnehmbaren Moment an. Muskelkraft, Schnellkraft, Gleichgewicht, Beweglichkeit oder Regenerationsfähigkeit können sich über Jahre verändern. Gerade deshalb bemerken wir diese Entwicklung häufig erst spät. Was früher selbstverständlich war, wird irgendwann anstrengender. Der Schritt vom Boot ins Dinghy wird vorsichtiger, nach einer längeren Überfahrt brauchen wir länger zur Erholung oder wir vermeiden Bewegungen, bei denen wir uns nicht mehr ganz sicher fühlen.

Das bedeutet nicht, dass Älterwerden zwangsläufig mit Hilflosigkeit oder einem Verlust der eigenen Freiheit verbunden sein muss. Im Gegenteil: Ein wesentlicher Teil der körperlichen Leistungsfähigkeit bleibt trainierbar. Die WHO empfiehlt Erwachsenen regelmäßige körperliche Aktivität und Muskelkräftigung; für ältere Menschen kommt insbesondere ein Training hinzu, das Kraft und funktionelles Gleichgewicht verbindet, um die körperliche Funktionsfähigkeit zu unterstützen und Stürzen vorzubeugen. Systematische Übersichtsarbeiten zeigen ebenfalls, dass Kraft- und Gleichgewichtstraining auch im höheren Lebensalter körperliche Funktionen verbessern können.

Das ist eine der ermutigenden Botschaften des gesunden Älterwerdens: Wir können den Lauf der Zeit nicht anhalten. Aber wir können beeinflussen, mit welchen körperlichen und geistigen Voraussetzungen wir ihm begegnen.

Und dafür braucht es kein Leben, das sich ausschließlich um Gesundheit dreht. Häufig beginnt es viel einfacher: regelmäßig Kraft einsetzen, das Gleichgewicht fordern, sich ausreichend bewegen, vernünftig essen, ausreichend regenerieren und Veränderungen nicht über Jahre ignorieren.

Sicherheit beginnt nicht erst bei Kraft und Bewegung

Der Körper ist allerdings kein Motor, bei dem wir lediglich ein einzelnes Bauteil warten. Unsere Leistungsfähigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Systeme. Eine kräftige Muskulatur ist wertvoll – aber auch sie hilft nur eingeschränkt, wenn wir übermüdet, unkonzentriert oder dauerhaft erschöpft sind.

Gerade auf längeren Reisen wird das sichtbar. Nachtwachen, ungewöhnliche Schlafzeiten, Hitze, Seegang oder längere Belastungsphasen können Erholung und Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Forschung aus der professionellen Seefahrt zeigt, dass Müdigkeit und Schlafprobleme relevante Themen für Gesundheit und Sicherheit auf See sind. Diese Untersuchungen stammen überwiegend aus der Berufsschifffahrt und lassen sich deshalb nicht eins zu eins auf Fahrtensegler übertragen. Die grundlegende Erkenntnis ist dennoch plausibel: Wer übermüdet ist, verfügt nicht über dieselben körperlichen und kognitiven Reserven wie ein ausgeruhter Mensch.

Ähnliches gilt für Ernährung, Atmung, Stressregulation, mentale Gesundheit, soziale Beziehungen und Vorsorge. Keiner dieser Bereiche entscheidet allein darüber, wie gesund wir älter werden. Gemeinsam beeinflussen sie jedoch die Voraussetzungen, mit denen wir unser Leben gestalten.

Genau deshalb betrachte ich Gesundheit in acht Kursbereichen: Bewegungsqualität, Atmung, Ernährung, Schlaf & Regeneration, Stresskompetenz, mentale Gesundheit, soziale Gesundheit und Gesundheitsvorsorge.

Nicht, weil jeder Mensch in allen acht Bereichen gleichzeitig etwas verändern müsste. Sondern weil erst der Blick auf das Ganze zeigt, wo der persönliche Kurs bereits stimmt – und wo möglicherweise eine Kurskorrektur sinnvoll wäre.

Ein Schiff wartet man, bevor etwas ausfällt

Kein erfahrener Skipper würde sagen: „Der Motor läuft doch noch – warum sollte ich nach Öl, Kühlung oder Keilriemen schauen?“ Wir wissen, dass Wartung gerade deshalb sinnvoll ist, weil noch alles funktioniert.

Bei unserer Gesundheit warten wir dagegen erstaunlich häufig auf das erste deutliche Warnsignal. Erst wenn der Rücken dauerhaft schmerzt, die Kraft sichtbar nachlässt, der Schlaf immer schlechter wird oder ein Laborwert auffällig ist, entsteht Handlungsdruck.

Dabei ist der Zeitraum vorher besonders wertvoll.

Vorsorge bedeutet deshalb nicht, ständig nach Krankheiten zu suchen oder sich vor dem Älterwerden zu fürchten. Sie bedeutet, den eigenen Standort zu kennen. Welche körperlichen Fähigkeiten möchte ich in zehn oder zwanzig Jahren noch besitzen? Wo stehe ich heute? Was funktioniert gut? Wo verliere ich möglicherweise bereits Reserven? Und welche Veränderungen wären realistisch genug, dass ich sie nicht nur vier Wochen, sondern über Jahre beibehalten kann?

Das ist im Kern dieselbe Denkweise, mit der wir einen Törn planen. Wir kennen unsere Position, überlegen, wohin wir wollen, berücksichtigen die Bedingungen und setzen einen Kurs. Und unterwegs prüfen wir immer wieder, ob dieser Kurs noch stimmt.

Es geht nicht darum, das Leben zu optimieren

Longevity wird heute häufig mit Wearables, Nahrungsergänzungsmitteln, speziellen Laborwerten, Biohacking oder neuen medizinischen Verfahren verbunden. Einige Entwicklungen sind wissenschaftlich interessant, andere vor allem gutes Marketing. Doch bevor wir uns mit den feinsten Stellschrauben beschäftigen, sollten die Grundlagen stimmen.

Wer sich kaum bewegt, Muskulatur verliert, dauerhaft schlecht schläft, regelmäßig unter hohem Stress steht und Vorsorge jahrelang ignoriert, braucht wahrscheinlich zunächst kein ausgefeiltes Longevity-Protokoll.

Er braucht einen guten Grundkurs.

Das entspricht auch dem modernen Verständnis von gesundem Altern. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl unserer Lebensjahre, sondern die Fähigkeit, innerhalb dieser Jahre möglichst lange das tun zu können, was uns wichtig ist. Die WHO stellt genau diese funktionelle Fähigkeit in den Mittelpunkt ihres Konzepts des gesunden Alterns.

Für einen Segler könnte kaum etwas besser beschreiben, worum es eigentlich geht.

Wir wollen nicht gesund sein, um gute Gesundheitswerte zu besitzen.

Wir wollen gesund sein, damit wir leben können.

Damit wir morgens den Anker heben können. Damit wir über das Deck gehen, ins Wasser springen, eine neue Bucht erkunden oder auch einmal einen anstrengenden Schlag bewältigen können. Damit wir Verantwortung an Bord übernehmen können. Und vor allem, damit wir möglichst lange selbst entscheiden können, wie und wo wir leben möchten.

Dein Körper fährt auf jeder Reise mit

Vielleicht funktioniert heute alles. Das ist kein Grund, nichts zu tun.

Es ist möglicherweise der beste Zeitpunkt überhaupt.

Denn Gesundheit muss nicht erst dann wichtig werden, wenn etwas verloren gegangen ist. Wir können beginnen, solange vieles noch selbstverständlich funktioniert. Nicht mit radikalen Veränderungen. Nicht mit Angst. Und nicht mit dem Anspruch, perfekt zu leben.

Sondern indem wir unseren Standort kennen, einige wesentliche Dinge richtig machen und sie lange genug beibehalten.

Ein guter Skipper wartet sein Schiff nicht, weil er davon ausgeht, dass es morgen auseinanderfällt. Er tut es, weil er sich auch morgen darauf verlassen möchte.

Mit unserem Körper dürfen wir genauso umgehen.

Ein guter Skipper kümmert sich um sein Schiff. Ein kluger Skipper kümmert sich auch um seine Gesundheit.

Kurs setzen. Kurs halten.

Wo steht deine wichtigste Sicherheitsausrüstung heute?
Entdecke die acht Kursbereiche und finde heraus, wo es sich für dich lohnt, genauer hinzusehen.

Quellen: World Health Organization: Healthy ageing and functional ability. WHO, 2020. Die WHO definiert gesundes Altern über den Erhalt der funktionellen Fähigkeiten, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. World Health Organization: WHO Guidelines on Physical Activity and Sedentary Behaviour. WHO, 2020. Enthält unter anderem Empfehlungen zu Ausdauer, Muskelkräftigung und für ältere Menschen zu funktionellem Gleichgewichtstraining. Lesinski M. et al.: Effects of Balance Training on Balance Performance in Healthy Older Adults: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine. Die Meta-Analyse zeigt Verbesserungen der Gleichgewichtsleistung durch gezieltes Gleichgewichtstraining bei älteren Erwachsenen. Papa E.V. et al.: Resistance training for activity limitations in older adults with skeletal muscle function deficits: a systematic review. Clinical Interventions in Aging, 2017. Beschreibt unter anderem positive Effekte progressiven Krafttrainings auf funktionelle Mobilität. Jepsen J.R. et al.: Seafarer fatigue: a review of risk factors, consequences for seafarers‘ health and safety and options for mitigation. International Maritime Health, 2015. Überblick zu Müdigkeit und deren Bedeutung für Gesundheit und Sicherheit in der professionellen Seefahrt.

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